DIE SICHT DER DINGE

"Sie liebt mich nicht", beklagte sich ein junger Hase beim Igel und zog traurig seine Nase hoch. "Wer liebt dich nicht?" fragte der Igel barsch, denn er fühlte sich bei seiner Morgentoilette gestört, die er eben begonnen hatte. "Na, das hellbraune Kaninchen", schniefte der Hase, "das mit den schwarzen Tupfen an den Ohren und dem weißen Schwanz", und er zog noch mal seine Nase hoch und strich die Schnurrbarthaare glatt. "Na logisch, dass sie dich nicht liebt!" erwiderte der Igel. "Sie ist doch gar nicht deine Rasse!" - "Wir sind aber verwandt", gab der Hase zu bemerken. "Verwandtschaft hin, Verwandtschaft her", knurrte der Igel. "Wenn sie dich nicht liebt, dann schlag sie dir aus dem Kopf!" Und er fuhr fort, sich den Bauch zu putzen.

"Das kann ich aber nicht", jammerte der Hase. "Ich muss immerfort an sie denken." - "Diese Jugendlichen von heute!" stöhnte der Igel. "Wenn die sich was in den Kopf gesetzt haben! Warum kannst du dich nicht nach einer passenden Häsin umsehen? Gibt doch genug davon, die sich nach einem so hübschen Jüngling wie dir die Pfötchen lecken würden!" Und er ging dazu über, seine Vorderpfoten zu reinigen. "Häsinnen langweilen mich", wandte der Hase ein. "Sie sind albern, tuscheln immer miteinander und kichern, wenn man an ihnen vorbeigeht." - "Das liegt doch nur an der Pubertät, wenn die tuscheln und kichern. Wenn die Phase vorbei ist, geben sie ausgezeichnete Lebensgefährtinnen ab. Das kann ich dir versichern." Der Igel ging zum Polieren seiner Stacheln über. "Und überhaupt, guck dir doch mal deine Angebetete genau an, wie hässlich die ist mit ihren kleinen Ohren und den kurzen Beinen. Du willst doch sicher nicht, dass deine Kinder später mal so aussehen! Und darüber hinaus, hast du dir mal überlegt, wie das ist, wenn die erste Liebe vorbei ist und der Alltag anfängt? Man soll nie eine Beziehung unter seinem Stande eingehen. Lass dir das von einem erfahrenen Igel gesagt sein! Jetzt findest du sie vielleicht noch unwiderstehlich mit ihrem süßen Schnäuzchen, ihren großen Augen und dem charmanten Getue. Aber wenn sie sich erst in deiner Sasse rumlümmelt und ihre Karnickelpossen reißt, wirst du ganz anders darüber denken."

"Du machst das völlig falsch!" mischte sich der Steinkauz in die Unterhaltung ein. "Was mache ich falsch?" fragte der Igel. "Na, wie du ihm seine Angebetete austreiben willst. So klappt das nie!" - "Phhh!" machte der Igel beleidigt. "Und wie würdest du dem jungen Herrn ins Gewissen reden?" - "Gerade so etwas würde ich nie tun. Damit erreichst du nur das Gegenteil!"

"Und was soll ich deiner Meinung nach machen?" fragte der Hase und blickte neugierig zum Kauz auf, weil er glaubte, in ihm einen Verbündeten gefunden zu haben. "Beantworte mir folgende Frage", sagte der Kauz. "Wenn du wüsstest, sie liebte dich, was würde das für dich bedeuten?"

"Wenn sie mich liebte", begann der Hase, "dann wäre alles ganz anders! Wenn ich morgens aufwache und die Sonne ihre ersten Strahlen über den Horizont schickt, werde ich vor Freude jubelnd den neuen Tag begrüßen und erst einmal ein paar Luftsprünge machen. Dann werde ich meine Brüder begrüßen und vor dem Frühstück einen kleinen Dauerlauf mit ihnen machen. Dabei werde ich mich von der Nachtigall verabschieden und ihre süßen Töne in mein Herz lassen. Danach werde ich die Lerche willkommen heißen und mir ihr Jubilieren in die Glieder fahren lassen, so dass ich nochmals ein paar Sprünge machen muss oder mich mit meinen Brüdern boxen, weil ich mich sonst vor Freude nicht halten kann. Dann begebe ich mich auf die Suche nach dem leckersten Löwenzahn und bringe davon meiner Liebsten zu essen, so dass wir zusammen ein hinreißendes Mahl mümmeln können. Und dann, nach dem Frühstück, stell dir vor, sie ist mir gewogen, ach, das kann ich gar nicht beschreiben. Das Herz ist mir übervoll .."

"Und warum denkst du dann nicht, dass sie dich liebt, wenn das dein Herz so voll macht? Sieh mal: All das könntest du erleben, denn dein Vergnügen, deinen Jubel, deine Lust und den Genuss verschaffst du dir doch ganz allein. Und um den Gedanken zu denken, der das bewirkt, brauchst du auch niemanden sonst, nur dich allein. Die Gedanken sind frei! Also, warum denkst du nicht das, was dir solche Lust bescheren würde?"

"Weil es nicht wahr wäre!" antwortete der Hase. "Und weil der Hasendoktor sagt, dass man verrückt ist, wenn man etwas denkt, wovon man weiß, dass es nicht stimmt." "Na und!" wandte der Kauz ein. "Lohnt sich das etwa nicht, für so ein herrliches Erleben ein bisschen verrückt zu sein???"

"Hmmm", machte der Hase, wischte sich über die Augen, legte die Ohren zurück und strich über die Schnurrbarthaare. Ob er den Rat des komischen Kauzes annahm, ist nich überliefert. Aber wenn ihr mal Hasen beobachtet, wie sie manchmal ganz ohne Grund Luftsprünge machen ... vielleicht tun sie das tatsächlich nur deshalb, weil sie sich einbilden, geliebt zu werden.