SELBSTLIEBE

Ein Knabe trat durch ein enges, dunkles Tal hinaus ins freie Land. Vor ihm erstreckte sich eine lichtdurchflutete Ebene von Sand und Geröll endlos hin bis an den Horizont. „Ich muss etwas zu essen, zu trinken und ein Nachtlager finden, sonst werde ich sterben“, sagte der Knabe bei sich und machte sich auf den Weg. Einen ganzen Tag wanderte er unter der sengenden Sonne, bis er einen Fluss und ein Dorf an seinen Ufern erreichte.

Den ersten Menschen, den er traf, bat er um einen Schluck Wasser. „Wasser verlangst du von mir? Das kann doch nicht dein ernst sein!“ wies dieser ihn ab.

Den zweiten Menschen, den er traf, bat er um ein Stück Brot. „Das Abendessen ist schon vorüber. Es ist ungesund, so spät zu essen. Troll dich!“ antwortete dieser.

Den dritten Menschen, den er traf, bat er um ein Nachtlager. „Schlafen gehen willst du? Jetzt um diese Zeit? Ich gehe nie vor Mitternacht ins Bett!“ sagte dieser und wandte sich ab.

Dem Knaben wurden die Sinne ganz trüb und benommen, und er wusste nicht, waren es die Antworten oder war es der Hunger, was ihn so schwach werden ließ. Mutlos und verwirrt lenkte er seine Schritte eine Anhöhe hinauf und ließ sich nieder an einem Stein, um seine Gedanken zu ordnen. „Bin ich so wenig liebenswert, dass keiner Mitleid mit meiner Not empfindet?“ fragte er sich.

„Es ist nicht deine Schuld, dass sie dir nicht geben wollen, was du nötig hast“, hörte er die Stimme eines Mannes sprechen. „Aber so sind die Menschen zuweilen. Auch ich habe es erfahren. Komm, ich will dir geben, was du brauchst.“

„Du hast recht“, antwortete der Knabe. „Es ist nicht meine Schuld“ Und er ging mit dem Manne in dessen Haus. Dort gab dieser ihm zu trinken und zu essen, machte ein Feuer, damit er sich wärmen konnte, badete ihn und wies ihm dann ein Nachtlager. Zum Schlafen reichte er ihm die Hand, die ihn liebevoll in einen sanften Schlummer entführte.

Als der Mann am nächsten Morgen erwachte, wunderte er sich über den Traum, den er gehabt hatte. Darin war er einem hilfesuchenden Knaben begegnet. Und er hatte ihn an die Hand genommen.

„Bist du jetzt da?“ wandte er sich mit einer stummen Frage an sein Herz. „Ja, endlich!“ antwortete eine innere Stimme. Und der Mann lächelte, richtete sich auf und ging leichten Herzens ans Tagwerk.