GEBEN

Auf einer Reise durch die Welt des Menschen traf ein Engel eine junge Frau, die traurig am Ufer eines Flusses saß und versonnen auf die Wellen schaute. "Was bist du so traurig?" fragte der Engel die Frau. Die Frau schaute auf, sah dem Engel ins Antlitz und antwortete: "Ich habe Menschen geliebt, und ich gab ihnen, was sie wünschten. Und sie haben mich verletzt!"

"Dann hast du nicht gelernt zu schenken", sprach daraufhin der Engel. "Wie meinst du das?" fragte die Frau. "Schenken ist geben, ohne zu erwarten", erwiderte der Engel. "Geben und erwarten ist tauschen. Wenn du gibst und erwartest, dass der Empfänger etwas anderes dafür gibt, ist das kein Geschenk. Wenn du mit dem, was du gibst, etwas für dich verbindest, sei es Dank, sei es eine Gegengabe, sei es ein bestimmtes Gefühl oder Verhalten des anderen, dass er sich damit schmücke, es anderen zeige, es in bestimmter Weise für sich nutze, dann ist das kein Geschenk."

"Dann verstehe ich zu schenken", wandte die Frau ein. "Ich kann geben, was gewünscht wird, ohne zu verlangen. Ich erwarte nur, nicht verletzt zu werden von denen, denen ich gab."

"Genau das heißt, du kannst nicht schenken. Schenken kannst du erst dann, wenn du gelernt hast, denen zu geben, was sie sich wünschen, von denen du weißt, sie werden tun, was dich verletzt", sprach der Engel.

"Da verlangst du zuviel", erwiderte die Frau. "So viel will ich nicht tun für andere Menschen."

"Du irrst", sprach daraufhin der Engel. "Nicht für andere, für dich willst du so viel nicht tun!"