EIGENBILD

Eine junge Frau, die sich selber für häßlich, dumm, kalt und egoistisch hielt und sich deshalb selber nicht leiden mochte, traf eine Fee. "Ich sehe, dass du dich nicht magst", sprach die Fee. "Komm mit mir, ich will dir etwas zeigen". Und sie führte sie in eine magische Bildergalerie.

Die junge Frau wollte ihren Augen nicht trauen, denn an allen Wänden sah sie Gemälde, die ganz unverkennbar sie selber darstellten. Auf einigen war sie nur blass und schemenhaft zu erkennen, andere dagegen waren klar und deutlich. Aber sie waren alle ganz unterschiedlich. Eines davon zog sie am meisten an. Es war das Bild, das sie so zeigte, wie sie sich selber sah: ein hässliches Antlitz mit dummen Zügen, kaltem Blick und egoistischer Ausstrahlung. "Dieser Maler hat mich gut getroffen", sprach sie zur Fee.

"Der Maler, der dieses Bild gemalt hat, bist du selber", erwiderte die Fee. "Aber nun schau dir auch die anderen an. Dieses Bild stellt dich dar, wie deine Mutter dich sieht: eine liebevolle Frau mit warmem Blick. Und hier, dieses Bild hat sich dein Lehrer von dir gemacht, eine intelligente junge Frau mit wachen und wissenden Augen. Und schau hier: So sieht dich der Mann, der dich liebt: eine junge Frau mit einer bezaubernden Ausstrahlung! Und dies ist das Bild eines unglücklichen Kindes, dem du halfst, wieder gesund zu werden."

"Die anderen sehen mich völlig falsch, denn sie kennen mich nicht wirklich!" sagte daraufhin die Frau und wollte sich abwenden. "Solltest du so überheblich sein und anderen Menschen kein Urteilsvermögen zutrauen?" fragte die Fee. Die junge Frau dachte nach. "Du hast recht", sprach sie nach einigen Augenblicken des Schweigens. "Es steht mir nicht zu, ihre Wahrnehmung einfach abzutun. Aber es fällt mir schwer, sie anzunehmen."

"Dann nimm diesen Kristall und schau durch ihn hindurch auf die Bilder, die Menschen, die dir wichtig sind, von dir haben. Du wirst sehen, wie sie ineinanderfließen und dir ein Bild von dir zeigen, das du in deinem Herzen bewahren kannst." Nach diesen Worten verschwand sie.

"Ich muss geträumt haben", sagte die junge Frau und erhob sich von ihrem Lager, um an ihre Arbeit zu gehen. Als sie jedoch an einem Spiegel vorbeiging und ihr Bild erblickte, war es ihr, als ob sie durch den Kristall schaute. Beschämt schlug sie die Augen nieder. "Ich will es keinem erzählen", nahm sie sich vor. Doch ihr inneres Bild spiegelte sich fortan in ihrem Gesicht, so dass es keinem verborgen bleiben konnte. Sie wussten nur nicht, warum die junge Frau ein so heiteres Wesen angenommen hatte.